Archiv für März 2010

Die Bibel

Ich dachte mir, ich mache mal eine Buchvorstellung über die Bibel. Ich habe zwar kaum das Potential einer professionellen Buch-Kritikerin – noch weniger die (Aus)Bildung, das Verständnis, den Wortschatz oder die moralische Ausgeglichenheit- aber ich werde trotzdem eine kurze Übersicht schreiben.

Die Bibel: Eine Buchrezension

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Noch war die Erde leer und ohne Leben, von Wassermassen bedeckt. Finsternis herrschte, aber über dem Wasser schwebte der Geist Gottes. Da sprach Gott: „Licht soll entstehen!“ und es wurde hell.“

Mit einer der vermutlich besten Einleitungszeilen in der Geschichte, startet die Bibel sehr schwungvoll. Uns wird nicht nur der Hauptcharakter namens Gott vorgestellt, sondern es wird ebenso mitgeteilt, dass er eine Art Zauberwesen ist (entweder ein Vampir oder ein Zauberer oder irgendetwas, was wir bis jetzt noch nicht kennen – wir wissen zumindest, dass er fliegen kann und Laserstrahlen verschießt). Die Prosa in diesem Abschnitt ist einfach Spitzenklasse und man erkennt, dass die Handlung, Atmosphäre und Sprache der Bibel einen meisterlichen Hauch besitzt. Aber diese beeindruckende Darstellung von Fähigkeiten ist auch eine der größten Schwachstellen des Buches: Langatmigkeit. Eine der ersten Dinge, die man in einem Autoren-Workshop lernt, ist, dass jedes Wort ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte sein soll; behalte nie etwas darin, dass nicht unbedingt notwendig ist. Also während ich, der Leser, von dem Anfang des Buches mit Dämonen und Dunkelheit -laserstrahlfeuernd und Menschen aus Dreck bauend- hinweggefegt werde, geht alles sehr schnell zu sehr ins unwichtige Detail.

Ich bin bezaubert von der mystischen Handlung; gleichzeitig wundernd, welche Art Kreatur dieser „Gott“ ist, warum er diese Kräfte hat und was zum Teufel er damit anstellen wird, und ganz plötzlich werde ich aus dieser Action herausgezerrt und bin gezwungen, träge herumzusitzen während der Autor eine KOMPLETTE WOCHE (Tag für Tag) aus Gottes Leben beschreibt. Ich meine, das ist toll und wir bekommen ein paar Hintergrundinfos von seinem Charakter/ihm als Figur, aber ganz ehrlich, was ist mit dem Schweben durch die Hölle geworden? Mich interessieren seine Mittwoche nicht oder an welchem Tag er sich ausruht – komm zurück zur Action! Mann, wenn ich etwas über seinen Tag erfahren will, lese ich seine Twitter-Seite durch.

Wegen dieser Dinge wird wohl auch ein Großteil der Leser nicht bis zum Hauptteil der Geschichte durchhalten, und das ist schade, denn wenn diese einmal ins Rollen kommt, ist sie eine der interessantesten Dinge, die ich je gelesen habe (nur um euch einen Anreiz zu geben, wie gut sie ist: es gibt eine Fangemeinde, die dieses Buch auf der Straße verschenkt!). Die erste Hälfte des Buches, genannt „Das Alte Testament“, ist mehr dafür gedacht, ein Gefühl für die Umgebung zu bekommen anstatt ein Weiterkommen der Geschichte. In dieser Passage erhaschen wir einen Funken auf Gottes Vergangenheit und sind Zeuge einiger Schlüsselmomente, die die Tiefe der Charaktere zum Vorschau bringt (er ist eine Art dunkler Antiheld; aufbrausend und gehässig – aber eigentlich hat er ein Herz aus Gold tief in sich).

Der Autor nimmt sich die Zeit, um die Welt mit dem Leser gründlich zu erforschen. Aber während Nebencharaktere ihre kurze Zeit zum Scheinen bekommen, wird es manchmal etwas verwirrend. Zum Beispiel, während Moses‘ Abenteuern denkt man, er wäre ein aufgewühlter „Jedermann“. Sicher, er wurde von einem König adoptiert, aber er war nie richtig zufrieden. Er sah die Misshandlung und das Leiden der Menschen um ihn herum, und er übernahm selbst das Ruder. So weit so gut, richtig? Das ist irgendwie wie ein Bruce Springsteen Lied: Es geht um die Notlage des arbeitenden Mannes. (Und ganz ehrlich, wer veranschaulicht einen arbeitenden Mann besser als Sklaven? Alles was die machen ist arbeiten!)

Es ist eine einfache kleine Geschichte über Klassenkonflikte und Wiedergutmachung, und dann, ganz ohne Vorwarnung, wird alles plötzlich magisch: Ozeane werden geteilt, brennende Büsche schreien ein paar Typen an und in einer der vielen verstörenden phallischen Metaphern, die sich durch das Buch ziehen, vergleichen Moses und der Zauberer des Pharaos ihre „Schlangen“ und „Stäbe“, um zu sehen, welche größer ist. Das ist alles ziemlich interessant und einfallsreich aber es fühlt sich nach Lockvogeltaktik an: Ich kam zu Moses‘ Geschichte über die „Früchte des Zorns“ und dann *PENG!* findet Moses heraus, dass er Jude ist und alles wird zu Harry Potter.

Nachdem gefühlte 400 Jahre vergangen sind, endet die Bibel endlich mit der Vorstellungsphase und führt uns zur Hauptgeschichte, wo man den Hauptcharakter zum ersten Mal trifft…auch wenn es immer noch Gott ist. Irgendwie. Es wird etwas verwirrend, offen gesagt: Der Protagonist, Gott, hat irgendwie einen Typen namens Jesus Christus gezeugt, und… mh, es war noch nie ganz klar, wie diese Abstammung entstanden ist oder so etwas (und was ist mit diesem Geist?), aber vieles aus der langen Vorstellung beruht auf Glauben. Also, dieser Jesus-Typ mag nicht gerade die originellste Kreation sein (er ist mehr eine Mischung aus 3 anderen Personen: Der „Wiederauferstehungs“-Komplex von Neo aus „Die Matrix“; ein bisschen bodenständiges „Superman“-Heldentum; und ein seltsam zwingender Elan von Timothy Learys „Wahnsinnsdrogentrip“) aber er ist merkwürdigerweise zugleich sehr liebenswert und reizend.

Und es ist ein guter Umstand, dass er so ein sympathischer Protagonist ist, denn die Rollenbesetzung seiner Unterstützer erscheint manchmal völlig für den Eimer zu sein. Gerade als neue faszinierende Charaktere vorgestellt werden, bringt der Autor diese mit einem anscheinend sehr bizarren Fetisch um, ohne richtigen Grund und oft ohne Einfluss auf die Geschichte überhaupt. Die Person des „Johannes der Täufer“, zum Beispiel, war einer meiner persönlichen Lieblinge. Er las sich wie ein ruppiger bärenartiger Typ (im Kopf habe ich ihn mit Ottfried Fischer besetzt) und seine Präsenz gab dem Buch fast eine schrullige Wendung. Aber gerade als ich eine „Bindung“ zu ihm entwickelte, hat der Autor ihn quasi in einer Fußnote enthauptet.

Das ist alles was ich, Johannes der Täufer-Fan, als Todessatz bekomme: „Der Henker enthauptete Johannes […]“.

Ein Satz!

Die Bibel tötet Nebencharaktere wie Horrorfilme schwarze Menschen. Ja, ich weiß, das war ein „Spoiler“ aber es ist ziemlich schwer, ein Buch wie dieses zu rezensieren ohne etwas zu verraten: Der Plot dreht, wendet, schlängelt und kreist sich wie eine betrunkene Amy Winehouse. Johannes‘ Tod war ein kleiner Spoiler aber es gibt ein paar größere, die ich hier vermeide (Tipp:  Passt auf die Zombies auf!). Also, ohne weiter in Details zu gehen, die vielleicht mehr verraten könnten, müsst ihr nur wissen, dass die Bibel ein kunterbuntes Fantasy-Abenteuer voll subtiler Moral und verschachtelten Sinnbildern ist, welche ich zuletzt in der Herr der Ringe-Triologie gesehen habe.

Ich habe wirklich nur wenig zu kritisieren: Die Abschnitte, wo der Autor offensichtlich die eigenen politischen Absichten in die Geschichte einbringt, sind etwas störend (an einem Punkt steuert die ganze Geschichte auf eine „Predigt“ auf diesem „Berg“-Ding hinaus, was wohl eher eine liberale Propaganda ist, welche die Vorteile eines Sozialstaats hervorhebt) und an manchen Stellen erscheint es mir, als hätte der Editor etwas strenger sein können (1400 Seiten lang?! Wer denkst du, bist du? David Foster Wallace?). Ich muss sagen, dass, insgesamt gesehen, die Bibel eine Geschichte ist, die jeder mindestens einmal lesen sollte. Behaltet aber im Hinterkopf, dass dies zwar wie ein gewöhnliches Fantasy-Abenteuer erscheint, es aber eine Vielzahl von bösartig misshandelnden, expliziten Folterszenen, Vergewaltigungen und Prostitution beinhaltet, womit es eindeutig kein Kinderbuch ist!

Oh, und auch wenn es ein paar Hinweise auf eine Fortsetzung gibt (eine Wiederkunft des Herren wird ein paar Mal erwähnt), würde ich nicht meinen Atem deswegen anhalten – keine offiziellen Abkommen wurden bis jetzt unterschrieben.

Also, zusammenfassend würde ich der Bibel sieben von zehn möglichen Punkten geben.

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Eine Hundegeschichte

Ich bin eine junge Frau und das ist die Geschichte über mich und meinen Hund. Wir haben ein Abenteuer und mein Hund rettet den Tag.

Ich hasse meinen Hund und es ist mir egal, wie das klingt. Ja, er rannte nach Hilfe als das Haus abbrannte. Und ja, er rettete das Baby, welches in den Brunnen fiel. Aber das ist mir egal. Er ist ein fauler Hund und ich wünschte, er wäre tot.

Sein Name ist James, aber so rufe ich ihn nicht. Ich benenne ihn gar nicht, wenn Menschen in der Nähe sind. Und wenn niemand da ist, sage ich Hure zu ihm.

„Los, fang, Hure“, schreie ich und gebe vor, einen Stock zu werfen. Ich habe keinen in der Hand, so dass er herumspringt, seinen Kopf von links nach rechts werfend. Darauf fällt er die letzten zwei Wochen jeden Tag herein. Welch Superhund. Er kann sich nicht helfen. Das letzte Mal, allerdings, biss er mich.

Versteht mich nicht falsch. Ich misshandele ihn nicht. Ich füttere ihn gut. Ich bade ihn und gebe ihm alles, was er als Hund braucht. Er ist keine Bürde. Er ist einfach nur Scheiße.

Er riecht auch. Ich nehme an, er riecht nicht schlimmer als andere Hunde, aber ich bewerte ihn nicht an einem Maßstab. Er ist der einzige Hund, den ich habe.

Das wahre Übel ist, dass jeder ihn mag. Er geht zu Fremden und reibt seinen Kopf an ihren Beinen und schaut liebevoll zu ihnen auf. Seine Augen sind brauner als meine, sein Fell glänzender als meine Haare.

Letzte Woche gingen wir spazieren und es war wie immer. Er rannte zu kleinen Jungen und alten Damen, seinen Kopf an die Beine schmiegend für Leckerchen. (Alle in dieser Stadt hatten Hundesnacks.) Sie kramten in ihren Taschen und fragten „Darf ich?“, während ihre Hände mit Trockenfleisch halb in der Luft verharrten. Er bettelte und beobachtete mich aus den Augenwinkeln, obwohl er wusste, dass ich ja sagen würde. Ich verweigerte ihm weitere Leckerchen nur, wenn er bereits drei hatte. Und das war nicht gemein. Wenn er mehr als drei bekam, jaulte er den ganzen Tag mit Bauchschmerzen herum. Er kennt die Dreierregulierung, aber er macht immer weiter mit den Tricks. Hure.

Wir kamen bei den Müllers vorbei, und ich hoffte, einen Blick auf Kathrin werfen zu können. Sie hatte in der sechsten Klasse einen Schönheitswettbewerb gewonnen, und da hatte sie nicht mal Brüste. Jetzt ärgerte sie Passanten immer, indem sie sich vor dem offenen Fenster auszog und im entscheidenden Moment die Rollläden heruntermachte. Als wir vorbeigingen, war bereits bei ihr zugezogen, doch ein Paket lag auf der Türschwelle. Hurenhund sah es als Erster und, obwohl es ausgesprochen unverdächtig aussah, knurrte er es ominös an, so dass Herr Müller gezwungen war, aus seiner Haustür zu schauen.

„Was ist los, Junge?“, fragte er, als er sich hinkniete. „Ärger?“

„Müssen Sie das machen?“, grummelte ich. „Ich meine, ehrlich jetzt. Sie ermutigen ihn nur noch.“

Hurenhund schob das Paket mit seiner Schnauze zu Herrn Müller.

„Das Paket? Ist es dieses Paket, mein Junge?“

Hurenhund bellte einmal und Herr Müller gab dem Karton einen abschätzenden Blick.

„Anthrax? Ist das Anthrax, mein Guter?“

Einmal bellen.

„Guter Junge, James“, sagte er und gab ihm ein Leckerchen, ohne mich zu fragen.

„Ich sage es dir, Mädchen“, sagte Herr Müller anerkennend, „das ist ein kluger Hund, den du da hast.“ Er strich sich etwas Dreck vom Knie.

„Ja, er weiß, wie man bellt.“

„Und stell‘ dir vor, ich hätte es geöffnet.“

„Sie meinen, Sie werden es jetzt nicht öffnen?“

„Ich nehme an, du würdest gern sehen, wie ich mir Milzbrand einfange, Mädchen.“

„Wer sagt denn etwas über Anthrax?“

„James hier.“

„Herr Müller, James mag vieles sein (wie eine Nichtsnutzhure, zum Beispiel) aber er ist kein anthraxschnüffelnder Hund. Ich weiß nicht einmal, ob es so etwas gibt, aber wenn ja, dann ist James keiner davon. Ich habe ihn zum Sitzen, Pfötchengeben und Hinlegen trainiert. Das war es. Und überhaupt, wer schickt Anthrax in unser Dorf?“

Herr Müller kniete sich erneut hin. „Gute Frage. Wer war es, James? Weißt du es, mein Junge?“

Einmal bellen.

„Wollen wir mal sehen… Wer könnte es diesmal sein? Waren es die Muslime?“

Einmal bellen.

„Die Moslems…? James hat noch nicht einmal einen Muslime gesehen. Was haben die damit zu schaffen?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Herr Müller. „Warum fragst du nicht James?“

Ich starrte auf James hinab und bemerkte den Absender.

„Herr Müller, Sie kennen nicht zufällig eine Erika Meier?“

„Das ist meine Schwester. Verheiratet und aus der Nachbarstadt. Woher weißt du das?“

„Ihr Name ist auf dem Paket.“

James schaute zu Boden und ich zog etwas an der Leine um ihn daran zu erinnern, dass er ein Hund war.

„Ganz klar“, sagte Herr Müller überrascht.

„Ja.“

„Erika ging weg und wurde Muslime.“

Hurenhund bellte extra laut auf und bekam sein viertes Leckerchen an diesem Tag.

Die Nachricht über James und seine Nase für Antiterrorismus ging herum. Es kam zu seinem bereits wachsenden Ruhm hinzu und das Unausweichliche geschah: unsere Stadt gab eine Parade. (Sechs Wochen waren seit der letzten vergangen.) Es gab große Wagen und James saß auf dem größten, in einem speziellen Thron, den die Stadt extra für ihn angefertigt hatte. Kathrin Müller stand in ihrem hübschesten Kleid neben ihm und winkte allen zu. Die Leute warfen mit Fleisch und James war stolz. Ich stand allein abseits auf einem Fußweg und sah zu. Einen Tag zuvor stimmte ich Kathrin zu, neben James zu stehen, für eine kleine ‚Sondereinlage‘.

Als wir heim kamen, sah ich ihm zu, wie er hämisch grinsend seinen Stapel Leckerchen würdigte.

„Warum kannst du nicht wie normale Hunde sein?“, fragte ich.

Er aß einfach weiter, und  hörte ab und zu nur auf, um seine Hoden zu lecken.

„Du bist jedermanns verfluchter Superhund“, sagte ich. „Ich wollte nur jemanden zum fangen spielen.“

Es vergingen ein paar Minuten, bevor er aufhörte. Dann schaute er auf und sagte „Komm schon. Du weißt, dass ich dich liebe, aber manchmal sind drei Leckerchen einfach nicht genug.“