Archiv für Mai 2010

Die Kunst des Spielens

Wenn ihr Fan von generationsübergreifendem Herumzicken und anonymem Gezänk über abstrakte Konzepte seid, dann habt ihr Glück! Roger Ebert sticht wieder ins Hornissennest. Eigentlich ist das eine zu brave Beschreibung seiner Taten, aber „in ein Hornissennest voller Nerds zu urinieren“ ist ein weniger bekanntes Sprichwort, weshalb ich mit der Untertreibung fortfahre. Es war einmal vor langer, langer Zeit, zurück in den Grenztagen des Internets, als Roger Ebert einen Blog schrieb, der die aufkeimende Spielergemeinschaft jahrelang schädigte. Ja, den ganzen Weg zurück in 2005 – als man froh war, wenn man ein Byte für sich allein hatte und “MMORPG” nur das Geräusch war, was man machte, wenn man von einem LKW angefahren wurde – sagte Roger Ebert, unmissverständlich und ohne Ausnahme, dass Videospiele keine „Kunst“ sind und auch nie werden.

Unter der Annahme, dass, wenn man einmal weitgehend dumm und ignorant an die Öffentlichkeit geht, man es ja sogar mehrmals und lauter machen könnte, bringt er wieder die Debatte hoch. Eine schnelle und schmutzige Zusammenfassung: Ebert postuliert, dass die Interaktivität und Ziel orientierte Struktur hinter Videospielen im genauen Gegensatz dazu stehen, was es heißt, ein Kunstwerk zu sein. Dieses Mal, allerdings, gibt er jedoch zu, dass Videospiele eines Tages schließlich doch etwas produzieren könnten, dass die nebulöse Bezeichnung „Kunst“ verdiene, aber dieser Tag wird so weit in der Zukunft liegen, dass kein menschliches Wesen, was derzeit auf der Erde wandelt, ohne Rücksicht auf medizinische und technologische Fortschritte, so weit leben wird, um das zu sehen. Und das ist eine ziemlich dämliche Aussage, die man machen kann. Das ist ein Netz so absurd weit und allumfassend, dass es aus dem Bereich der Kritik herausgeht und einen wilden Sprint zwischen Prophezeiung und Faschismus beginnt.

Ich bin kein Mensch, der Respekt für jemanden verliert, nur weil der seine Meinung äußert und ich sie schlecht informiert oder monstermäßig behindert finde – zur Hölle, einige meiner besten Freunde sind schlecht informiert und monstermäßig behindert, und ich bin die einzige Person, der ich genug traue, um sie überhaupt Freund zu nennen – also werde ich versuchen, hier nicht beleidigend zu werden. Ich verachte Ebert nicht wegen seiner Haltung, und ich lehne ihn nicht automatisch als realitätsfremd ab. Ich denke nicht, ‚er checkt es einfach nicht’, weil er zu alt ist; ich denke einfach, er ist zu versessen in ein Medium um ein anderes zu akzeptieren. Das passiert häufig – man findet Musikliebhaber mit wenig Anerkennung für Bilder, oder Maler ohne Interesse an Romanen. Alter ist keine sofortige Disqualifikation um Innovationen zu würdigen. Roger Ebert ist ein scharfer, präziser und nachdenklicher Mann, und seine anderen Meinungen werden nicht gleich als falsch bezeichnet, nur weil er bei dieser so voller Scheiße ist, dass sie aus seinen Ohren sprüht wie bei diesen Sprinklerköpfen für den Gartenschlauch.

Ihr wisst, mit allem nötigen Respekt.

Erstens, Ebert sagte, dass er niemals ein Videospiel gesehen hat, dass es wert gewesen wäre, von ihm gespielt zu werden. Alsooo… dieser Gegenbeweis muss nicht gerade weitergeführt werden, oder? Diese Diskussion fortzusetzen wäre in etwa so, eine Zeit und einen Ort für eine philosophische Debatte über die Wichtigkeit von Pazifismus festzulegen und in einer wilden Rauferei zu enden: Dein Gegenüber ist nicht nur von Anfang an unterqualifiziert, sondern anscheinend nur darauf aus, dich anzugreifen. Mit einer Eingangssalve wie „Ich habe noch nie ein Spiel gespielt, aber hier ist eine beeindruckende Aussage darüber“, weiß man, dass die Bitten unerhört bleiben. Du kannst die beste PowerPoint Präsentation haben, aber du gehst immer noch gehasst aus dem Raum.

Wie rechtfertigt Roger Eberts also eine solch heftige Meinung um eine Sache, wobei er zugibt, sie nie erlebt zu haben? In seinen Worten versteht er Videospiele folgendermaßen:

„Bei der Definition von der überwiegenden Mehrheit der Spiele. Sie tendieren dazu, folgendes zu enthalten: (1) Point and Shoot in vielen Variationen und Geschichten, (2) Schatz- oder Schnitzeljagden wie in ‚Myst‘ und (3) die Einflussnahme des Spielers auf den Ausgang. Ich denke nicht, dass diese Attribute viel mit Kunst zu schaffen haben; ihre Gemeinsamkeiten liegen eher bei Sport.“

Ich gebe diesen Punkt zu. Die meisten Spiele sind mehr Unterhaltung als Kunst, aber ein paar Ausnahmen nur wegen der Übermenge zu verurteilen ist ein falscher Gedankengang. Nach derselben Logik ist mein Verständnis von Filmen Pornografie. Wenn ihr bestimmte Internetseiten besucht, die Amateuranstrengungen und den großen Anteil von konstanter Körperöffnungsverletzungen seht, die inzwischen in halb Amerika durchgeführt werden, dann ist Pornografie der am weitesten verbreitete Nutzen eines Filmes. Oder wenn das Beispiel euch nicht gefällt: Filme sind Werbung. Es werden mehr Werbungen im Fernsehen während der reinen Laufzeit ausgestrahlt, als alle Filme in der Welt, deswegen sind alle Filme so. Würdet ihr mich Ernst nehmen, wenn ich eine Tirade gegen den Wert des Kinos beginnen würde, nur weil man Filme nicht Ernst nehmen sollte, weil die meisten Sicherheitsaufnahmen von Parkplätzen, Geschäften und Geldautomaten sind?

Aber zur Hölle, nehmen wir sogar Eberts falsche Definition und reden nur über die Megahits. Muss etwas in seiner Gesamtheit gewertet werden, um es Kunst zu nennen? Gibt es Kunst nicht auch in vergänglichen Momenten? Children of Men: Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Film als Kunst bezeichnen würde, aber es gibt eine Schlüsselszene, wo, nach einer Stunde oder so erbarmungsloser Spannung, Action und Verfolgungsjagden, die Hauptcharaktere ein Haus verlassen – gerade die Szene eines heftigen Feuergefechts – dabei das erste Baby haltend, was alle seit Jahrzehnten gesehen haben.

Und alles hält einfach an. Die Soldaten stehen dumm und mit offenen Mündern da, der Klang von krachenden Explosionen und ratternden Maschinengewehren hört auf und hinterlässt plötzliche, bestürzte Stille. Diese abrupte Änderung des Tempos geht einem so tief in die Knochen, dass der Punkt der Szene klar wird: Es gibt Situationen, in denen sogar die härtesten und gewalttätigsten Menschen vor der Heiligkeit des Lebens zurückschrecken können. Dieser Moment war Kunst.

Fünfzehn Minuten vorher tötete Clive Owen einen Typen mit einer Autobatterie. Das war ähm… eine andere Art Kunst.

Für das spielerische Äquivalent nehmen wir Call of Duty: Modern Warfare. Dieses Spiel, neben seinem Unterhaltungswert und guter Balanciertheit, war dümmer als ein Sack Steine, der seine Kindheit in dem deutschen Bildungssystem verbrachte. Es war groß, es war laut, es war der Inbegriff von Point and Shoot. Aber dann, nachdem man mehrere Stunden mit glückseligem Rennen durch exotische Ortschaften und dem Wegbomben neuer und interessanter Menschen verbracht hat, geschieht etwas Unerwartetes.

Eine Atombombe geht hoch und plötzlich ist man nicht mehr der unbezwingbare Supersoldat, man übernimmt den Part des Sterbenden. Keine Schießerei, keine Schatz- oder Schnitzeljagden und, ohne zuviel zu verraten, der Spieler hat keine Kontrolle über den ultimativen Ausgang. Es ist der spielerische Aspekt dieses Moments: Die gesamte Geschichte des Videospieles hat dich gelehrt, dass der Tod nur ein momentaner Verlust ist. Tod ist ein Schlag oder ein verpasster Schuss. Wenn du stirbst, beginnst du einfach wieder von vorn und stellst dich besser an. Sicher, andere Spiele töten Charaktere in einer Zwischensequenz, aber bis CoD4 hat kein Spiel dich, den Hauptcharakter, einfach so getötet, während du ihn gespielt hast, und mit keinerlei anderem möglichen Ausgang. Viele Menschen starteten den Level erneut. „Ich muss etwas falsch gemacht haben“, dachten sie. “Ich war nicht schnell genug, auf keinen Fall sterben wichtige Menschen einfach qualvoll in der Hitze des Gefechts ohne jegliche Mög-waaaaarte mal…“

Ebert glaubt, „die wahre Frage ist, werden wir als ihre [Spiele, Filme, etc.] Konsumenten mehr oder weniger komplex, nachdenklich, erkenntnisreich, originell, mitfühlend, intelligent, philosophisch (und so weiter) indem wir sie erleben? Einiges kann in sich selbst exzellent sein, und doch ultimativ wertlos.“ Sicher, die meisten Spiele kommen nicht an diese Kritik heran. So auch die meisten Filme, Bücher, Gemälde und Lieder. Ich könnte einige Untergrundspiele nennen, die am besten eine Kunstform darbieten – aber Ebert und die Menschen mit seiner Meinung würden sie sowieso nicht spielen. Sie lesen die Zusammenfassung und lehnen sie dadurch ab: Wie zum Beispiel das Braid, laut Ebert, ein Spiel über Zeitreisen sein soll. In Wirklichkeit benutzt Braid das Zeitreisen als Aufhänger um eine verstörende Geschichte über Besessenheit, Dominanz, Gewalt und Vergewaltigung zu erzählen. Man könnte sagen, dass The Path von seiner Zusammenfassung her ein Survival Horrospiel wäre wie Resident Evil. In Wirklichkeit ist The Path ein komplizierter und metaphorischer Blick auf verschiedene junge Mädchen, die Pubertät, Mortalität und sexuelles Erwachen durchleben. Aber eine Liste an Spielen herunterzurasseln, die wir für Kunst halten, befriedigt nicht Eberts ultimative Herausforderung. Seine Aufforderung – und es ist eine gute und perfekt berechtigte – ist ihm ein Spiel zu zeigen, dass es in jedem Fall mit einem klassischen Werk der Kunst aufnehmen kann. Laut Ebert sind alle Spiele, bis zum letzten, „wie ich bedauerlicherweise sagen muss, erbärmlich. Ich wiederhole: Keiner in oder außerhalb des Feldes hat es je geschafft, ein Spiel zu benennen, dass es wert wäre, einen Vergleich mit großartigen Poeten, Filmemachern, Schriftstellern und Dichtern zu wagen.“

Bullshit. Rez.

Rez kann nicht nur mit den klassischen Kunstwerken standhalten; es siegt sogar darüber hinaus. Es ist nur so, dass es mit speziellen Werken mithält, nicht „Meisterwerken“ im Allgemeinen. Rez wurde durch den russischen Maler Wassily Kandinsky inspiriert. Künstler schaffen Kunst aus einem Grund: Sie haben ein Ziel oder eine Nachricht, die sie überbringen wollen, auch wenn ihnen diese Nachricht in diesem Moment nicht offensichtlich ist. Kandinsky wusste genau, warum er Kunst erschuf. Er erwähnte es bei mehreren Gelegenheiten: Er wollte zeigen, wie die Musik und Farben in seinem Verstand verschwimmen. Viele Psychologen glauben heute, dass Kandinsky vermutlich an einem seltsamen neurologischen Defekt namens Synästhesie litt – er redete nicht nur künstlerischen Stuss, wenn er sagte, dass sein Farbkasten ihn „anzischte“ und Cellos ein „dunkles blau“ waren – seine Sinne waren buchstäblich gekreuzt, so dass Farbe Klang und Klang Gestalt hatte. Er war oft so unglücklich, weil er nicht darstellen konnte, was in seinem Kopf vorging. Sogar beim Malen sagten seine Freunde und Kollegen oft, dass er frustriert erscheine, wegen dem Fehler in der Kommunikation.

Als Spiel ist Rez kein großer Spaß – es ist ein Rail Shooter, wobei man nicht wirklich schießt sondern vielmehr große Schwaden an Zielen auswählt – aber in seiner Darstellung brillant. Rez band jede Handlung des Spielers untrennbar an den Beat der Musik, welche sich änderte und mit dem Spielverhalten und den Handlungen entwickelte. Die Visualisierungen hingegen änderten und entwickelten sich mit der Musik. Alle Sinne in Rez wurden miteinander vermischt, integrierten miteinander und verschwammen in bestimmter Art, Form oder Gestalt zusammen. Wenn Kandinsky malte, um seine Synästhesie anderen zu erklären, dann konnte Rez es einen in einem gewissen Grad erleben lassen. Rez teilt eine größere Synästhesieerfahrung als Kandinskys Bilder einfach deswegen, weil man als Spieler mitten drin ist. Für diese, spezielle Arena ist das weniger interaktive Medium (das Gemälde) essentiell verkrüppelt. Das bringt uns zu der Frage zurück: Was ist Kunst? Ist es das Objekt, was produziert wird, oder ist es die Erfahrung, die geteilt wird? Das erste klingt nur nach Konsumismus für mich, aber das zweite klingt genau richtig. Und wenn das der Fall sein sollte, sage ich, dass Rez es auf jeden Fall mit Kandinskys Kunst aufnehmen kann.

Aber warum sich überhaupt mit all dem herumärgern? Ebert selbst fragt sich: „Warum sind Spieler so ernsthaft besorgt, dass Spiele nicht als Kunst bezeichnet werden? Bobby Fischer, Michael Jordan und Dick Butkus sagen nie, dass ihre Spiele eine Kunstform seien… Warum sind Spieler nicht zufrieden damit und genießen sie einfach?“ Und hat bereits seine eigene Frage beantwortet: „werden wir als ihre Konsumenten mehr oder weniger komplex, nachdenklich, erkenntnisreich, originell, mitfühlend, intelligent, philosophisch (und so weiter) indem wir sie erleben?“ Jeder, der auch nur den kleinsten Hauch davon durch ein Spiel gefühlt hat, wird verständlicherweise „besorgt“ sein, wenn du darauf bestehst, dass er lügt.

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Wank(er)

Wank, so benannt für seinen Lieblingszeitvertreib und die größte Erdenprophezeiung, nahm einen tiefen Zug aus Destrukto – der 2 Meter hohen, 4 stämmigen, dampfbetriebenen Gottesbong, die er und Tony das restliche Halbjahr in Herrn Wagners Werkunterricht zusammengebastelt hatten – und kurbelte los, um das Mundstück zu seinem Freund zu drehen.

„Alter“, erklärte Wank plötzlich, „ich glaube, wir müssen reden.“

„Verfickt“, antwortete Tony, mehr als Ausdruck der Erstaunung über die monströse Rauchwolke, die er anscheinend endlos ausatmete. „Was ist los? Ist alles in Ordnung?“

„Nein, Mann. Nicht wirklich. Hör zu.“ Wank stand auf und durchstreifte unruhig den Raum, die Wörter zusammensammelnd und sortierend, die er aussprechen wollte. „Ich weiß, wir bauen viel Scheiße. Wir sind Versager, und das meiste unserer jungen Leben haben wir mit dem fruchtlosen Streben nach Hedonie verbracht. Ernsthafte Themen ächten wir essentiell und unsere Freundschaft dreht sich weniger um Ideen als die Abstinenz jener. Aber was ich sagen will, wird all das beiseite drängen und falls es unsere Freundschaft ruiniert, so soll es sein. Es ist so wichtig. Es ist eine fatale und Welt verändernde Idee, über welche wir feierlich als denkende Menschen reden sollten. Tony, mein Freund, es geht um Pommes Frites. Und den Fakt, dass ich sie brauche.“

„Heiliges gottverdammt“, begann Tony den langen und komplizierten Ausschaltprozess von Destrukto – eine Prozedur, die falsch ausgeführt in einer Boilerexplosion enden könnte. „Vor zwei Sekunden dachte ich nicht einmal an Pommes, aber sie wurden plötzlich mein einzig wahres Verlangen.“

„Dann ist das so“, sagte Wank ernstlich nickend. „Aber wie? Wie bekommen wir Pommes?“

“Ich habe kein Geld”, antwortete Tony. Er hatte keinerlei Geld mehr, seit Gerfried, das große Arschloch von Manager, ihn bei Subway gekündigt hat, weil er auf die Brötchen spuckte.

„Ich auch nicht.“

„Und außerdem habe ich das Gefühl, dass keine gewöhnliche Menge an Pommes dieses Problem lösen wird. Ich brauche die weltgrößte Menge an Pommes. Und ich brauche sie alle, für mich.“

„Alter, wie wäre es mit der Kantine?“

„Was ist damit? Es ist drei Uhr morgens. Auf keinen Fall brechen wir mitten in der Nacht in die Schulkantine ein für ein paar Pommes.“

„Hör mal“, sagte Wank, legte eine Hand auf seine Schulter und schaute ernst in seine Augen. „Wir sind Männer der Tat: Wir werden keine Lügner.“

***

Wank schob Tony durch das frisch zerbrochene Fenster des Chemielabors, und kletterte dann die Wand mit Tonys Hilfe hoch. Sie landeten im Dunkeln und etwas knirschte unter ihren Füßen.

„Ich fasse es nicht, dass du das Fenster kaputt gemacht hast“, stöhnte Tony.

„Das ließ sich nicht vermeiden“, antwortet Wank knapp und stolperte Richtung Tür.

„Okay, aber musstest du mein iPhone durchwerfen?“

„Was hättest du denn genommen?“

„Es gab überall Steine. Sie bilden den Boden der Erde unter unseren Füßen.“

„Ha. Das wäre besser gewesen“, stimmte Wank zu, fand die Tür und trat in den dunklen Flur.

Es brauchte eine anderthalbe Stunde, um die knapp 300m zwischen Chemiezimmer und Kantine zurückzulegen; inklusive 15 Minuten im Kreis laufen, bevor Tony und Wank simultan bemerkten, dass sie dem jeweils anderen folgten; 30 Minuten zurückstolpern um die Toiletten zu finden, bevor sie einfach in Mandys Schließfach urinierten (es war eine einstimmige Entscheidung für ihre schlechten Handjob-Techniken; man streichelt ein geliebtes Tier, Mandy, und startet keine verfluchte Kettensäge); und eine volle 45minütige Diskussion darüber, wer der beste Transformer ist, und warum. Als sie sich endlich daran erinnerten, warum sie überhaupt hier waren, fanden sie schnell die Doppeltüren zur Kantine. Wank schaltete das Licht ein und suchte die Friteusen, während Tony die Kühlschränke fand.

„Wank“, sagte Tony, als sein Kiefer heruntersackte, seine Augen verloren an Schärfe, „es gibt keine Worte hierfür. Ich muss eine Symphonie komponieren.“

Es war der Tag nach einer Lieferung und die Gefriertruhen waren gefüllt mit Kilobeuteln an Pommes Frites.

„Ich werde sie alle machen“, flüsterte Wank in Ehrfrucht. Er rannte herüber und begann abwechselnd mit anbeten, anfluchen und verhauen der Friteusen. Nachdem er einen unnötigen Ellbogenschlag hingelegt hatte, drückte er endlich den Einschalter. Die Maschine erwachte zum Leben.

„Alter, lies einfach das Handbuch.“ Tony hielt ihm das Blättchen hin.

Wank schlug es ihm aus der Hand und warf es in das Fett. „Aufzeichnungen sind für die Schwachen und Dementen! Wir sind jung und klug; wir unterwerfen uns keinen Anweisungen!“

„Mir fällt keine Situation ein, in dem der Verlust der Bedienungsanleitung einer extrem komplizierten und gefährlichen Maschine je gut geendet hat.“

„Sie funktioniert doch: Sie werden frittiert und köstlich. Jetzt kannst du auch dein kostbares Handbuch essen.“

Tony konnte das seltsame Gefühl des Vorhersehens nicht abschütteln, aber aß das Büchlein trotzdem, weil er extrem high war und Menschen machen so was einfach, wenn sie extrem high sind.

***

„Wir brechen eindeutig einen Pommesprofirekord hier, Mann.“ Tony war von den ganzen Fettspritzern nach dem etwa fünfzigsten Kilo frittierter Pommes paranoid geworden und hatte sich in alle in der Küche auffindbaren Schürzen gewickelt und sich zudem einen Helm aufgesetzt.

„Du siehst aus wie ein Arsch“, stellte Wank fest, während er die Pommes mehr aus Bestimmung als Verlangen hinunterwürgte.

„Sicherheit geht vor.“

„Ich bin sicher“, protestierte Wank.

„Sicher? Du? Ich denke, dass Sicherste wäre es gewesen, nicht den Auto-Ausschaltknopf abzutreten.“

„Warst du zufrieden mit 4 Kilo? Vier verschissenen wertlosen Kilos? Weil das sagte die Maschine. Die Maschine sagte ‚hör bei vier auf, Wank’ und ich so ‚wir machen weiter, Maschine, reiß dich zusammen!’ und die Maschine so ‚ich habe Angst’ und ich so ‚ich werde dich festhalten, Maschine’ und sie so ‚du bist so groß und stark’ und ich so ‚zieh dein Top aus, Mandy’ und sie tat es voll.“

„Ich glaube, du kamst etwas ab“, bemerkte Tony.

„Alter, wir müssen die Scheißtechnologie nicht bemuttern. Wir denken uns einfach spontan Sicherheitsmethoden aus, und die sind dann auch gut genug.”

„Ich weiß nicht, Mann. Ich will Pommes so sehr, es ist quasi eine Krankheit gerade. Ich bin nicht sicher, ob ich unsere Sicherheit überwachen sollte“, antwortete Tony, während er den Korb mit Öl siebte.

„Dein Blick wird von den Pommes getrübt“, stimmte Wank zu, eine Faustvoll Pommes in einen Ketchupeimer tunkend und dann das Ganze komplett mit Hand in seinen Mund stopfend.

„Vielleicht macht mein Verlangen mich rücksichtslos“, gestand Tony.

“Nein, ich meins wirklich: Die Pommes hängen alle am Visiereingang deines Helms fest. Du hast die Friteuse vor zwei Minuten umgeworfen; du hältst den Korb über den Mülleimer.“

„Heilige Scheiße!“ Tony drehte seinen ganzen Körper, weil er wegen den vielen Schürzen seinen Nacken nicht bewegen konnte und bemerkte endlich die vielen Flammen, die den Großteil der Kantine einnahmen. „Warum sagst du mir nichts über das verdammte Inferno zwei Meter neben mir?!“

„Oh, das ist kaum ein Inferno. Ein Brand vielleicht, ein Feuer natürlich, aber Inferno ist etwas zu dramatisch.“ Wank stand auf, ging zu Tony und drehte sich, um die Flammen zu begutachten. „Oh. Oh, schon gut, tut mir Leid. Das ist ein Inferno.“

„Warum hast du das nicht als relevante Information angesehen?!“ Tony geriet in Panik, zog seinen Helm herunter und riss sich die Schürzen ab wie eine nymphomanische Köchin.

„Scheiße, Mann, am Anfang dachte ich, das wären nur Restflammen. Ich meine, klar war es schlimm, aber es war keine anhaltende Situation. Dann war ich ziemlich sicher, die Sprinkler würden angehen und sich darum kümmern, weshalb mir es nicht so wichtig erschien, es zu erwähnen. Letztendlich denke ich, die Flammen werden nur die Kantine abbrennen; auf keinen Fall werden sie sich auf den Rest der Schule ausbreiten.“

„Warum in Gottes Namen würdest du so viele Dinge annehmen, die konsequent behinderter werden?“

„Gras?“, erinnerte Wank.

„Oh, stimmt. Ha ha, weißt du, ich bin so high, dass ich vergessen habe, dass ich high bin. Ich zu mir so ‚Tony, warum machst du das? Das scheint keine gute Idee zu sein’. Ich habe die Drogen total beiseite geschoben.“

„Alter, das Inferno.“

„Oh ja. Scheiße! Was machen wir?!”

“Ich habs!”, schrie Wank, kramte in seinen Taschen und holte sein Feuerzeug hervor, „wir verbrennen das Arschloch!“

„Es… brennt bereits.“

„Wenn Brandstiftung nicht die Antwort ist, dann verstehe ich die Frage nicht. Mir gehen die Ideen aus.“

„Vielleicht könnten wir das Öl vom Boden kratzen und zurück in die Friteuse schaufeln?“ Tony leerte bereits den Ketchupeimer.

„Dafür ist es schon lange zu spät. Wir könnten ins Chemielabor gehen und Säure darauf kippen.“

„Was? Warum zur Hölle würdest du…? Warum Chemikalien verwenden, die schädlicher sind als die eigentliche Flüssigkeit?”

„Hör zu, Mann: Wir werden hier sowieso sterben. Also können wir es genauso gut geil machen.“

Tony öffnete seinen Mund als wollte er antworten, aber er stoppte, um Wanks Logik zu folgen. Seine Instinkte konnten nicht sagen, was daran so falsch war, aber seine Instinkte sagten ihm auch ‚ignorier das Feuer, iss mehr Pommes.’ Er fing an zu glauben, sein Innerstes wäre gerade nicht so zuverlässig.

“Wir könnten die Kantinenmitarbeiter anrufen!”, schrie Tony, nahm ein paar Schritte Anlauf, machte einen Bauchklatscher auf den Boden und verwendete den verkippten Ketchup als eine Art Rutschbahn um seinen Weg zum Telefon zu rodeln. „Sie müssten wissen, was zu machen ist.“

„Warum würden die uns helfen?“

„Wer hat mehr zu verlieren als sie? Die müssen uns helfen!“

„Alter.“ Wank kniete auf dem leeren Eimer und benutzte einen Löffel, um sich selbst über den Ketchupteich zu gondeln, „wir verbrennen gerade ihren Arbeitsplatz. Ich glaube nicht, dass sie glücklich darüber sind.“

„Was, wenn wir jedem fünf Euro geben? Das wären… fünf Euro! Für jeden!“

„Ich glaube, wir verfehlen das offensichtliche Ergebnis hier, Freund.“ Wank kletterte von seinem Gewürzkanu.

„Welches wäre?“

„Fick drauf.“

„Was? Wie ist ‚fick drauf’ ein offensichtliches Ergebnis?“

„Alter, fick einfach drauf. Lass uns wegrennen.“

„Oh. Ja. Ja, das ist gut. Lass uns das machen.”

Als sie die Szenerie des Einbruchs verließen, Brandstiftung und Diebstahl einer Beilage, konnte Tony nicht anders als daran zu denken, dass dies der letzte Sommer war, den er und Wank als Kinder durchlebten: Danach kam die Uni, und danach das Erwachsenendasein, und das wäre eine Zeit der Verantwortung und Mäßigung. Aber jetzt rannte er einfach und genoss den strengen Geruch des Waldes, durch den sie liefen, gemischt mit dem gigantischen Fettfeuer, Liter an brennendem Ketchup und dem ätzenden Stich von Säure, die sie über alles gossen, bevor sie wegrannten.

Es roch bekannt. Es roch tröstend. Es roch nach Freiheit.

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Herr Wagner, der Werklehrer, gewann den Ironmankontest und startete eine erfolgreiche Crêperie mit dem Preisgeld. Er lebt mit seinem Lebenspartner „Michelle“ (das ist ein Typ im französischen).

Gerfried wurde wegen Geldwäsche verhaftet. Er entkam und flüchtete nach Thailand, wo er ein Nobelbordell eröffnete. Er besteht darauf, dass die Einwohner ihn „Der weiße Tod“ nennen, aber sie bleiben bei „ein großes Arschloch“.

Tony Hayward wurde der geschäftsführende Vorstand von British Petroleum, wo er diesen Unfall Schritt für Schritt nachstellte – Verlust von Handbüchern und Anleitungen, Vernachlässigung von Ausschaltemechanismen, Beharren darauf, dass freiwillige Sicherheitsmaßnahmen genug wären, Verwenden von Chemikalien, die toxischer sind als das Öl um den Ölteppich zu beseitigen und dann die Bezahlung der verdrängten, arbeitslosen Golf-Fischer, um das Chaos für ihn zu beseitigen.

Es gibt keinen offiziellen Beweis, dass Tony direkt in den Unfall verwickelt war, Destrukto, die Gottbong, wurde nie gefunden, und die Deepwater Horizon Ölplattform explodierte am 20ten April 2010.

Elf Menschen starben und der ausgetretene Ölfleck ist eines der größten ökologischen Desaster der Geschichte.

Wank heiratete eine Ziege!