Diät

Mein Körper fühlt sich an wie eine Hüpfburg. Mein Verstand arbeitet nicht.
Ich bin die ganze Zeit wütend und sobald mich jemand aufheitern will, macht er es nur schlimmer. Alles macht es schlimmer.

Aber so ist das eben: Ich will abnehmen und das geht am besten durch Sofortigen, kalten Entzug.

Um Essen zu vergessen wollte ich mich mit Fernsehen ablenken. Mein ProSieben-Marathon dauerte 2 Stunden.
Lasst mich es so sagen und dann fortfahren: Wenn man nicht gerade Elvis ist und auf seinen eigenen Fernseher schießen kann, wenn man angepisst ist, hilft es ungemein, seinen nackten Arsch über den Bildschirm zu reiben, um den Hass zu kompensieren. Ja, sag‘ mir wie du daraus eine „frittierte XXL-Köstlichkeit“ machen willst, Jumbo Schreiner. Sag‘ es meinen Arschhaaren.

Um meine Kalorienzufuhr einzuschränken, habe ich mich auf Jelly Beans fokusiert. Kleine Mahlzeiten und als Süßigkeit zwischendrin eine Minigeleebohne für den winzigen Zuckerkick.

Es gibt 4 Geschmacksrichtungen, die braun sind: Schokoladenpudding, Cappucino, Könnte genauso gut verficktes Cappucino sein und Seelische Abtreibung. Ich könnte kiloweise der Puddingsorte kaufen und zu allen drei Mahlzeiten essen (was ich nicht tue). Aber ich kann nicht genug sagen, was für ein verstandsfickender, seelenzerstörender, vertrauensvernichtender Sinnesverstoß es ist, auf die Süßigkeit zu beißen und statt Pudding erwischt man eines der drei anderen. Das ist eine 75% Chance eine Jelly Belly mit menschlichem Scheißegeschmack zu erwischen.

Wahre Jelly Belly Fans werden mir jetzt sagen, dass es eindeutige Farbunterschiede gibt, in welchem Fall ich euch sage, dass ich versuche abzunehmen und eure verfluchten Autos hochbombe, wenn ihr nicht aufhört, solche gottverdammten Enttäuschungen zu sein.

Seht ihr? Ich werde aggressiv. Typisches Zeichen einer Diät. Ich setzte meine geliebten Kalorien ab und werde sofort zu einem tobenden Arschloch! „Ich sollte lieber mal ein Stück Butter essen, damit die Menschen um mich herum geschont werden.“ Netter Versuch, Kalorien.

Aber mein Verstand ist bereits durchbohrt vom Ärger. Zum Beispiel Ärger auf „Niveaulimbo“.
„Niveaulimbo“, sagt ihr? „Dieses gottverfluchte Wort exisitiert gar nicht, Nick. Wovon zum Teufel sprichst du?“

Gute Frage. Dieser Ausdruck soll das Jugendwort 2010 sein, wobei sich findige Journalisten ihre süßen kleinen Herzen ausgepresst haben, um eine „hippe“ Wortneuschöpfung ins mediale Hauptlicht zu rücken, aber endeten nur wie ein Haufen sabbernder Steineficker, welche verzweifelt versuchen, ihre Midlife crisis durch übertriebene Recherchen zu unterdrücken.

„Die Jugendlichen benutzen das Wort ‚Niveaulimbo‘ um…“

Nein. Nein, nein, nein, nein, nein, machen sie verfickt nochmal nicht. Niemand in der Geschichte der Menschheit hat jemals, jemals, das Wort Niveualimbo in irgend einem Kontext verwendet. Niemand, in der langen, steinigen Geschichte der Menschheit, hat in den verschiedensten Sprachen jemals die Buchstaben so in die Reihenfolge gebracht, um dieses Wort niederzuschreiben. Jemals.

Ihr habt euch das selbst ausgedacht, ihr Penner. Heilige Scheiße, wie lang ist meine letzte Kalorienaufnahme her? DREI STUNDEN?

Zum Glück konnte ich in diesem Moment nur meine Socke gegen den Fernseher werfen, welche mit einem leichten *fluff* wieder abprallte, bevor ich ein Trommelfeuer an Flüchen losließ. Zum Glück war mein Hund nicht in der Nähe. Nicht, weil ich ihn die Schimpfworte nicht hören lassen wollte, sondern weil die hohe Chance bestand, dass ich ihn gegen den Fernseher geworfen hätte.

Dann eben an die Playstation gesetzt und eine Runde Dragon Age Origins gespielt. Nachdem ich mich meisterlich durch alle Horden von Monstern ohne jegliche Verletzung meinerseits geschnetzelt hatte, fiel mich hinterrücks ein Oger an und verpasste mir eine Schelle, so dass ich erst einmal betäubt dastand. Das einzige, was mich davon abhielt, meinen in meiner eigenen Scheiße gehüllten Fernseher aus dem ersten Stock in den Hinterhof zu werfen war der Fakt, dass da unten bereits der Hausmeister stand und die Überreste meines letzten, mit Scheiße überzogenenen TVs wegräumte.

Ich musste raus aus der Wohnung. Etwas frische Luft schnappen. Während ich in der S-Bahn saß, nahm ich den Geruch von Frittierfett wahr und mein ganzer Körper verkrampfte in einem Anfall. Ich realisierte, dass ganz am Ende des Waggons ein Typ eine Currywurst aß. Der Duft von verbrannter Wurstpelle, Tomaten und Billigcurry schoß in meine Nase und mein vom Entzug zerstörtes Gehirn scheißte sich beinahe ein.

Ich stand also im Kaufland und wartete, dass die Person vor mir bezahlte und aus meinem beschissenen Weg verschwand. Der Kassierer war so ein trotteliger Typ, der anscheinend gerade noch in der Ausbildung war und mit jedem Small Talk hielt, der gerade vorbei lief. Allerdings war er unglaublich schlimm darin. Einer dieser Jungen, der vermutlich mit Steinen beworfen wird. Von seinen Eltern.

Als er eine Glasflasche über den Scanner zog, schaute er hoch, lächelte und sagte: „Oh, Joghurt Dressing. Das ist meine Lieblingssorte!“
Die Frau, die anscheinend auf dem gleichen sozialen Trottellevel war wie er, antwortete: „Ich weiß! Das schmeckt fantastisch.“
Zu diesem Zeitpunkt stapelte ich meinen Kram auf das Band und er schaute rüber zu dem Salat und den Gurken, die ich gerade hinlegte. Er hatte wohl mein Augenrollen nicht gesehen, denn er sagte: „Hey, Salatzutaten! Ihr zwei solltet euch zusammen tun und-“

„Bitte. Bitte, bitte, bitte, zieh die Scheiße einfach nur über den Scanner. Ich weiß, dass du nett sein willst, aber ich mache derzeit eine Diät und will den Rotz einfach nur nach Hause bekommen. Es gibt absolut nichts Interessantes in irgendetwas Salatartigem. Bitte. Dein Mund formt viele Worte über Salat aber alles was ich höre ist ‚Ich missbrauche meine Rechte als Kassierer um sicher zu gehen, dass du diese Schlange nicht eher verlässt, bevor du mich buchstäblich umbringst. Mach ruhig. Nimm diese Schere hier neben der Kasse und beende mein Leben, Nick. Ich bettele darum.'“

Das Ende von Tag Eins. Ich versuche zu schlafen, aber der Hunger hält mich wach.
Es wird Zeit, allen ein großes Fick Dich zu geben, die hierdran beteiligt waren:

Die Menschheitsgeschichte, die entdeckte, dass Zucker lecker ist.

Die Süßigkeitenmanufakteure, die diese Leckereien günstiger verkaufen als ein Kilo Gemüse.

Meine Eltern, da sie immer sagten, ich hätte nicht ihre Gene.

Meine (Ex)Freunde, die sagten, die inneren Werte zählen mehr als das Aussehen.

Das Fernsehen, weil es nur noch Dinge über Essen bringt.

Das Arschloch, dass sich McDonalds Gutscheine ausgedacht hat.

Das Erkennen, dass Frittiertes besser schmeckt als unfrittiertes.

Aber das größte Fick Dich bleibt für mich selbst übrig. Mein junges, dummes Ich, dass fröhlich herumsprang und eine Zeit lang alles sinnlos in sich hineinstopfte, ohne Gedanken an die Zukunft. Und die älteren Versionen von mir, die ständig Ausreden fanden, keinen Sport zu machen oder weniger zu essen.
Wenn ich traurig war, aß ich. Wenn ich mich allein fühlte, aß ich. Wenn ich gelangweilt war, aß ich. Es gab Wochenenden, da sah ich meine Wohnung nur von innen. 60h lang.

Inzwischen ist mein Magen so sehr vergrößert, dass mich kleine, normale Portionen bei weitem nicht sättigen und ich eine Diät nur unter ständigem Hunger hinter mich bringen kann. Um mich herum sehe ich Menschen essen und verstehe diese Ungerechtigkeit nicht.

Aber das ist er eben, der größte Feind in diesem Spiel.
Die innere Willenskraft, 85kg auf 1,70m verteilt auf 60kg zu dezimieren.

Und bis dahin werde ich alle Maßnahmen versuchen, mein Gehirn und meinen Hunger zu verarschen.

Das ist richtig, Leute: Ich bringe einen Dildo zu einem Messerkampf.

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  1. 9 Steaks in 3 Tagen. 4 Promille in 8 Stunden. Kuchen. KUCHEN! Rollin’stone.

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